Mit viel List und Ebay

Der Mann hat zwei Kinder. Er hat einen gut bezahlten Job als Geschäftsführer von Radio Aachen. Aber der Mann hat auch einen Traum - der gibt ihm genug Energie und Mut, ihn zu leben. Lesen Sie hier die unglaubliche Geschichte von Ralf List, der auszog einen Kinofilm zu drehen. Der seinen Job kündigte, weil er so überzeugt von seinem Skript war. Der Clou des Ganzen: Ralf List versteigerte und versteigert sämtliche Schauspiel-Rollen für seinen Film “Wer ist eigentlich ... Paul?” per Ebay im Internet. Das wohl verrückteste Kinoprojekt aller Zeiten. Ein Projekt, das eigentlich genug Stoff hergibt, um darüber selbst einen Film zu drehen...

Wir treffen Ralf List im Café Madrid in Aachen. Hier hat er die ersten Szenen für “Wer ist eigentlich Paul?” abgedreht. Ralf List ist 40 Jahre jung, hat eine Schirmmütze auf und strotzt vor Energie. Der Mann ist ein Besessener - aber im positiven Sinn. Seine eBay-Idee schlägt voll ein.

“Wir haben Ende Mai mit den Dreharbeiten begonnen. Elf Kamera-Teams von verschiedenen TV-Sendern waren mit dabei, um über uns zu berichten”, erzählt er. Gerechnet hat er damit nicht - “aber darauf gehofft schon.” Auf die Idee sämtliche Rollen seines Films zu versteigern, kam List, nachdem er einen langen Artikel über Ebay in einer Zeitschrift gelesen hatte. “Ich dachte mir: Mittlerweile wird im Internet alles versteigert von Auto bis zum Regenschirm - warum nicht auch Schauspielrollen?”

Und das funktioniert so: Unter der Internetadresse www.weristeigentlichpaul.com kann man den Anfang des Drehbuchs lesen und nachschauen, welche Rollen bereits vergeben sind. Ralf List gibt bestimmte äußere Kriterien vor - Alter, Größe, Haarfarbe der Partie (“die Haare kann man färben, das spielt keine Rolle”). Jeder, der sich angesprochen fühlt, kann am Computer mitbieten (ein Link zur betreffenden eBay-Seite ist auf der Homepage vorhanden) - welche Rolle in welchem Zeitraum versteigert wird, steht ebenfalls auf der Homepage. “Die Gebote sind ganz unterschiedlich. Ich gebe einen Euro pro Rolle vor, und dann schau ich was passiert.” Insgesamt gibt es 24 Rollen, der Zeitraum der Versteigerung umfasst zehn Tage. Die Gesamtkosten betragen 150.000 Euro, “eine Low-Budget-Produktion”, sagt List. Die Hälfte der Kosten will List aus eigener Tasche zahlen. die andere Hälfte glaubt er, mit den Versteigerungen finanzieren zu können.

Die Gebote sind so vielfältig wie die Filmrollen: Von 450 Euro bis 13.050 Euro (!) war bisher alles dabei. Und alle meinen es ernst. “Bisher habe ich keine Scheinangebote gehabt”, sagt List. Das würde auch spätestens dann auffliegen, wenn es ernst wird. Denn bevor die Rollengewinner ins Projekt einsteigen, müssen sie das Geld überweisen und einen Vertrag unterschreiben. Wer zum Beispiel bei den äußeren Kriterien gelogen hat, kann sofort entlassen werden. Oder wer die Dreharbeiten durch sein Verhalten gefährdet - “wenn jemand rotzbesoffen beim Dreh erscheint”, gibt List als Beispiel. Schon passiert? “Nein. Die Jungs und Mädels sind mit Feuereifer dabei, mit einem unglaublichen Spaß an der Sache. Wir sind sowas wie eine große Familie.” Die Atmosphäre, sagt List, ist prima. Mittwochabends trifft man sich bei ihm zu Hause zu einer kleinen Grillparty mit “einem Fässchen Bier”. Viele Darsteller wohnen auch während der Dreharbeiten bei ihm. “Die Leute sind alle berufstätig, die kommen von überall her. Ich versuche, die Drehtage so weit es geht auf die Wochenenden zu legen, dass sie sich nicht allzu viel Tage frei nehmen müssen.

Mit dabei in der Schauspiel-Crew sind fünf Schweizer (sa sieht man mal wieder, wo die Kohle sitzt), zwei Stuttgarter und einer aus der schwäbischen Provinz, ein Bielefelder, ein Mönchengladbacher - und ein Münchener. Dass diese polyglotte Zusammenstellung viel Kreativität erfordert, liegt auf der Hand. “Eine Schweizerdeutsche spielt die Schwester eines Schwaben - und ich muss dem Publikum beibringen, dass sie Geschwister sind. Da müssen wir uns noch was einfallen lassen...” Wir empfehlen ein Adoptivkind, aber das ist natürlich nicht besonders spritzig. Warum sagt List eigentlich “wir müssen uns was einfallen lassen?” Er grinst:”Weil ich solche Sachen mit meinen Schauspielern beratschlage, bei den Grillabenden. Das ist eine sehr entspannte und kreative Atmosphäre, und da kommen ganz gute Ideen raus.”

Wie werden die Schauspieler eigentlich finanziell beteiligt? Irgendeine Bezahlung müssen sie doch erhalten? “Das läuft über den Umsatz: pro Darsteller zwei Prozent des Ertrags. Die professionelle Crew - also von der Visagistin bis zu dem Kameraleuten - erhält ein Prozent.” Auf ein professionelles Umfeld legt List wert. Alle außer den Schauspielern sind vom Fach. Die 18-köpfige Crew erhält außerdem den üblichen Tagessatz, der etwa für einen Kameramann 220 bis 320 Euro am Tag beträgt. 30 Drehtage hat List angesetzt, drei sind bereits gemacht - und bisher klappt alles gut, sagt er. Und wie macht man aus Amateuren Profis? Wie sollen unerfahrene Menschen auf einmal schauspielern können? “Wir müssen natürlich manche Szenen sehr oft drehen, weil die Darsteller am Anfang noch nicht locker sind und die Situation als sehr ungewohnt empfinden. Aber schon jetzt merke ich, wie sie in den Rollen aufgehen. Das ist Weltklasse! Sie fangen auch an, das Drehbuch zu verändern - jeder redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Statt: “Hallo, wie geht es Dir?” kommt jetzt: “Mensch, Oller, alles klar?”- Und das stört Sie nicht? “Nein, im Gegenteil. Genau das habe ich beabsichtigt - einen Film zu machen mit ganz normalen Menschen wie du und ich. Mit Profis hat man es da schwerer. Wenn bei uns eine Szene nicht klappt und wirklich schlecht ist, sag ich schonmal: Mensch das war wirklich Sch..., das müssen wir noch einmal drehen. Das geht natürlich mit Stars wie Hoenig oder Lauterbach nicht.”

List will den Beruf des Schauspielers nicht hinterfragen - sondern einfach nur zeigen, “dass man eine wunderbare Komödie mit Laiendarstellern drehen kann, ohne so einen Müll wie zum Beispiel “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” zu produzieren.” Und warum Kino - nicht Fernsehen? List rückt seine Schirmmütze zurecht: “Weil ich erstens mein eigener Herr bin. Ich produziere und führe Regie - naja, ich setze Bilder in Szenen um. Ich maße mir nicht an, mich als Regisseur zu bezeichnen. Und zweitens glaube ich, dass es keinen deutschen Film mehr gibt - In Italien, in Frankreich, in England gibt es ein eigenständiges Kino. Bei uns nicht, auch wenn das keiner gerne hört. Ich will mit meinem Projekt das deutsche Kino ein bißchen aufrütteln und neue Wege beschreiten.” Das scheint zu fruchten. List steht in Verhandlungen mit Filmverleihern (“auch mit einer großen Münchener Firma, aber den Namen kann ich jetzt noch nicht verraten”), und auch Kollegen vom Film loben List, seine Idee und die Dreharbeiten.

List wäre nicht List, wenn er nicht schon wieder ein Stückerl weiterdenken würde - oder weiterträumen - würde: “Ich werde das gleiche Projekt auch in London machen - ich lasse den Film übersetzen, und die Rollen werden wieder über Ebay versteigert.” Und dann senkt List die Stimme und blickt um sich: “Aber mein eigentlicher Traum ist, dass dieses Projekt ein Pilotfilm zu einer Fernsehserie sein könnte: Jede Staffel wird wieder neu per eBay besetzt - der Paul hat so viele Facetten und die Geschichte so viel Potenzial, dass das überhaupt kein Problem wäre.” Der Mann hat Träume. Er hofft, dass seinen Kinofilm, der nächstes Jahr anlaufen soll 2,5 Millionen Leute sehen werden. Das ist schon fast absurd hoch gegriffen. Aber wer weiß? Dieser Mann steckt voller Überrraschungen und Energie. Vielleicht hat er auch hier wieder Recht...

Von Matthias Bieber