Drei, zwei, eins - meins: Kauf Dir eine Hauptrolle

Daniel hat eine eigene Wohnung, eine Freundin, zwei Autos, zwei Hunde. Er studiert, und abends mixt er Drinks in einer Stuttgarter Bar - eigentlich ein geregeltes Leben. Ein bisschen verrückt war der 27-jährige ja schon immer, schließlich hätte er sich ohne zu zögern in den Big-Brother Container sperren lassen, und zum Frühstücken ist er auch schon mal kurz nach Venedig gefahren. Aber jetzt dreht Daniel das Ding seines Lebens, ein Ding, das ihn 2730 Euro gekostet hat.

Daniel Trick spielt eine von insgesamt sechs Hauptrollen in Ralf Lists Komödie “Wer ist eigentlich Paul?”, die im Frühjahr ins Kino kommen soll. Der Stuttgarter hat Bankkaufmann gelernt, aber nie Schauspielunterricht genommen. Er war weder in einer Casting Show, noch beim Vorsprechen in einem Filmstudio. Alles was er tun musste, um sein Gesicht künftig auf Kinoleinwänden sehen zu können, war sein Sparbuch plündern und mitsteigern. Für die Rolle des Peter hat er bei der Auktionsplattform Ebay 2730 Euro geboten - und gewonnen. Jetzt ist er einer von 24 Darstellern, die zwar keine Ahnung vom Schauspielern haben, die sich vor der Kamera aber offenbar so souverän schlagen, dass der Regisseur schon Monate vor dem letzten Drehtag an seinen Erfolg glaubt.

Die Handlung ist beinahe nebensächlich. Paul ist ein Versager auf der ganzen Linie: ohne Job, ohne Frau, ein Mann, der aussieht wie ein alter Putzlappen und, noch schlimmer, in Pinguinbettwäsche schläft. Er zieht in eine Schwulen-WG (in der auch Daniel als Peter) lebt, verwandelt sich in einen sympathischen Kumpel, und am Ende entpuppt sich Paul als ein ganz anderer als der, für den ihn alle halten.

Dass aus der Geschichte jetzt ein Film wird, ist schon fast Zufall. Als der 40-jährige Ralf List erfahren hat, dass man im Internet inzwischen um alles feilschen kann, kam ihm die Idee. Das Drehbuch lag bereits in der Schublade, was fehlte, war das Budget. Warum also nicht auch eine Filmrolle versteigern? “Ebay war der perfekte Weg”, sagt List, der seinen Job als Geschäftsführer eines Radiosenders für das Projekt aufgegeben hat.

Seine Darsteller sollten nur ein paar Kriterien erfüllen, zum Beispiel ähnlich groß sein wie die jeweilige Filmfigur. Talent war keine Voraussetzung. “Ich wollte ausschließlich Laien”, sagt der Regisseur. Laien wie Daniel. Der ist vor lauter Aufregung erst einmal auf die Toilette gerannt, um zu spucken, bevor er seinen ersten Satz rausgekriegt hat. “Es ist gar nicht so einfach drei Seiten Text zu sprechen, wenn 70 Leute auf Dich schauen”, erzählt der Stuttgarter. “Aber eigentlich ist Peter im Film wie ich: ein bisschen durchgeknallt, das Kind im Manne. Nur, dass ich privat keine rosa Hemden trage.”

Verglichen mit einem Arzt aus Freiburg ist Daniel sogar günstig weggekommen. 38.000 Euro war es dem Weißkittel wert, einmal vor der Kamera zu stehen. Statt sich einen Porsche zu kaufen, wird der Mediziner nun zum Titelhelden des Filmes. Das Roulettespiel um die Besetzung hätte auch in einer Katastrophe enden können. Ralf List war sich des Risikos bewusst. “Schließlich habe ich Familie.” 150.000 Euro investiert der 40-jährige in das Projekt, etwa die Hälfte kommt aus den Internetversteigerungen. Trotz der unerfahreren Akteure soll der Streifen eine professionell gemachte Komödie werden. “Der künstlerische Anspruch ist höher, als manche glauben”, sagt List. Nicht umsonst hat er für den Dreh in Aachen qualifizierte Kameraleute, Ton- und Lichttechniker engagiert. Ein Münchener Kinoverleih wird den Film vertreiben. Und wenn “Paul” nächstes Jahr genügend Besucher in die Kinosäle lockt, holen Daniel und Co. ohre Kosten womöglich wieder rein. Sie erhalten als Gage jeweils 2 Prozent der gesamten Einnahmen. “Deutschland wird über diesen Film sprechen”, erklärt List vollmundig. Warum, will er nicht verraten. Stattdessen erzählt er von einem Traum: ”Wer ist eigentlich Paul?” soll erst der Anfang sein: der Pilotfilm einer Kultserie im Fernsehen.

Auch Daniel Trick hat einen Traum: eines Tages eine schicke eigene Bar zu eröffnen. Vielleicht versucht er es aber auch mit der Schauspielerei. In der Komödie spiele er nicht mit, um entdeckt zu werden, versichert der 27-jährige. “Aber wenn doch jemand auf mich aufmerksam wird - warum nicht?” sagt er. Sollte “Paul” tatsächlich in Serie gehen, dann wär´s vermutlich ganz aus mit Daniels geregeltem Leben.

Von Carolin Leins, Stuttgarter Zeitung