Das Projekt Paul

BIELEFELD. Als Schauspieler hat Norman Siegel nie vor einer Kamera gestanden, und er hat nie ein Casting absolviert. Jetzt spielt der 28-Jährige eine Hauptrolle in einem Kinofilm. “Wer ist eigentlich Paul?” heisst das Werk des Aachener Regisseurs und Produzenten Ralf List. 2005 soll der Streifen in die Kinos kommen. Norman Siegel hat seine Rolle ersteigert. Für 13.050 Euro.

Der Aachener Filmemacher und Ex-Radiogeschäftsführer hatte sich um Fördermittel beworben und keine bekommen. Die Absage entpuppte sich als Volltreffer. Um dennoch drehen zu können, versteigert List seit einigen Wochen Haupt- und Nebenrollen für seinen Film im Internet bei Ebay. Diese Idee hat mehr Aufmerksamkeit erregt als alle Projekte des Aacheners zuvor. Fernsehmagazine haben darüber berichtet, und immer mehr wollen mitspielen. Siegel sagt, der Film werde in seiner einmaligen Enstehungsgeschichte womöglich auch in den USA laufen.

“Der erste Darsteller hat 450 Euro bezahlt”, sagt Siegel, der im Fernsehen einen Bericht über das Projekt Paul gesehen hatte. Mit jeder weiteren Rolle stieg der Preis. 13.050 Euro ist die bislang höchste Summe. Zehn Tage dauerte die Versteigerung bis gestern, 12 Uhr. Gestern Morgen stand das Höchstgebot bei 6.000 Euro, 25 Sekunden vor 12 Uhr bot Siegel 13.050 Euro - und bekam den Zuschlag. “Das war die Höchstgrenze, die ich mir gesetzt hatte”, sagt Siegel. Ein anderer bot neun Sekunden vor Auktionsschluss 13.000 Euro - zu wenig.

Aus Norman wird jetzt Bernd. Paul, die Hauptfigur, ist ein verlotterter, erfolgloser Zeitgenosse, der eine Abneigung gegen Homosexuelle pflegt. Der Film beschriebt seine Wandlung, die Paul einer schwulen Wohngemeinschaft verdankt. Peter, Jan, Klaus und Bernd beginnen das “Projekt Paul”, an dessen Ende Paul zum Vorzeigeschwiegersohn mutiert ist. Norman Siegel spielt Bernd, einen 33-Jährigen Reisebürobesitzer, den Senior der Wohngemeinschaft. Seit Jahren träumt Bernd von einem Surfbrettverleih auf Ibiza, aber immer wieder zerplatzt dieser Traum. “Ich habe den Anfang des Drehbuchs gelesen. Der Charakter passt.”

Vor der Herausforderung Schauspielerei ist Norman Siegel nicht bange. “Bernd und ich sind ähnliche Typen. Außerdem werden wir Schauspieler professionell beraten. Ich kriege das hin.” Markanter Unterscheid zwischen Bernd und Norman: Der eine ist schwul, der andere nicht. “Aber Bernd ist kein Klischee-Schwuler”, sagt Siegel. Für Siegel beginnen die Dreharbeiten in ein paar Wochen, bis dahin wird Norman Siegel wie bisher abseits der Filmbranche arbeiten - als Altenpfleger. Er hat im April 2003 den Pflegedienst “Pflege mit Siegel” gegründet und beschäftigt 17 Mitarbeiter.